In Brüssel stand erneut ein Treffen des sogenannten E6-Formats an – jenes informelle Koordinierungsgremium der sechs wirtschaftlich stärksten europäischen Staaten, bestehend aus Frankreich, Italien, Spanien, Polen, dem Vereinigten Königreich und Deutschland. Gemeinsam repräsentieren die E6 den Großteil der Wirtschaftsleistung Europas sowie einen erheblichen Anteil der Verteidigungs- und Industrieproduktion.
Das Format dient der strategischen Vorabstimmung zentraler politischer Initiativen. Es ist kein formelles EU-Organ, entfaltet jedoch erheblichen Einfluss, da viele Impulse später in den Ministerrat oder in Initiativen der Europäischen Kommission einfließen. Politisch gesehen fungiert das E6-Format als wirtschaftliches „Lenkungszentrum“, das in Zeiten multipler Krisen handlungsfähig bleiben soll. Insbesondere wirtschafts- und finanzpolitische Weichenstellungen sollen vorbereitet werden, bevor diese anschließend in breiteren EU-Strukturen verhandelt werden.
Die vergangenen E6-Zusammenkünfte standen stark unter dem Eindruck geopolitischer Spannungen und wirtschaftlicher Verwerfungen. Im Mittelpunkt standen Themen rund um die koordinierte Unterstützung der Ukraine, die Verständigungen zur Sicherung strategischer Lieferketten sowie eine Reform der europäischen Fiskalregeln. Insbesondere die fiskalpolitischen Diskussionen waren prägend, ausgerichtet an der Frage, wie Haushaltsdisziplin, Investitionsbedarf und wirtschaftliches Wachstum in Einklang gebracht werden können.
Im Zentrum des Treffens in Brüssel Mitte Februar standen finanz- und wirtschaftspolitische Vorhaben. Die Treffen sollen laut Vize-Kanzler Klingbeil nun regelmäßig stattfinden. Die Agenda ist ambitioniert:
Ein zentrales Thema wird die Ausgestaltung der neuen Haushaltsregeln sein. Ziel ist es, Investitionen in Zukunftsbereiche – etwa Digitalisierung, Energieinfrastruktur und Verteidigung – von rein restriktiven Defizitvorgaben abzugrenzen. Während Deutschland traditionell auf Stabilitätsorientierung pocht, drängen Frankreich, Italien und Spanien auf flexiblere Investitionsspielräume. Das Treffen soll hier politische Kompromisslinien vorbereiten.
Die internationale Wettbewerbsintensität, insbesondere durch staatlich gestützte Programme in den Vereinigte Staaten und in China, zwingt Europa zu strategischen Antworten. Geplant ist:
Darüber soll die Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden, ohne einen innereuropäischen Subventionswettlauf auszulösen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vertiefung der europäischen Kapitalmarktunion. Ziel ist es, private Investitionen stärker zu mobilisieren und europäische Unternehmen unabhängiger von außereuropäischer Finanzierung zu machen. Hier könnten konkrete Initiativen zur Vereinheitlichung von Insolvenzrecht, Börsenaufsicht und Finanzmarktregulierung vorbereitet werden.
Die Energiewende bleibt ein kostspieliges Projekt. Das E6-Treffen soll Wege ausloten, wie große Infrastrukturprojekte – Netzausbau, Wasserstoffkorridore, Speichertechnologien – gemeinschaftlich finanziert werden können. Dabei stehen u.a. die Emission gemeinsamer europäischer Anleihen für Transformationsprojekte, langfristige Investitionsgarantien und strategische Partnerschaften mit Drittstaaten zur Rohstoffsicherung zur Diskussion.
Das Treffen im Februar war mehr als eine wirtschaftstechnische Abstimmung. Es geht um die strategische Frage, wie Europa seine wirtschaftliche Souveränität stärkt. Während das Vereinigte Königreich nach dem Brexit eigene wirtschaftspolitische Wege geht, bleibt es im E6-Format ein zentraler Partner in Fragen der Finanzmarktregulierung und Investitionspolitik. Zugleich wächst der Druck, die europäische Wirtschaft resilienter zu machen, nicht zuletzt gegenüber geopolitischen Veränderungen und Energieabhängigkeiten.
Sollten sich die sechs Staaten auf tragfähige finanzpolitische Leitlinien verständigen, könnte das E6-Format maßgeblichen Einfluss auf die wirtschaftspolitische Agenda der Europäischen Union in den kommenden Jahren haben.