Das Future Combat Air System (FCAS) war das umfangreichste europäische Rüstungsprojekt der letzten Jahrzehnte. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron es 2017 in Paris gemeinsam vorstellten, war es als Beispielprojekt für verbesserte europäische Koordination bei Rüstungsvorhaben und für stärkere Unabhängigkeit von den USA konzipiert. Nun bestätigt sich das Ende: Merz und Macron haben sich auf die Beendigung des Vorhabens verständigt.
FCAS war nicht nur die Entwicklung eines neuen Kampfflugzeugs, sondern eine umfassende Gefechtskooperation, die unbewaffnete und bewaffnete Drohnen integriert. Die Fachwelt bezeichnete es als „System der Systeme". Das Konzept ermöglicht es Kampfjets der sechsten Generation, mit unbemannten Begleitsystemen zu operieren. Die technische Architektur umfasst drei Hauptkomponenten: den Next Generation Fighter (NGF) als neu zu entwickelnden Kampfjet der sechsten Generation, Remote Carriers als multifunktionale Begleitdrohnen, sowie die Air Combat Cloud, eine integrierte Datenwolke, die Flugzeuge, Drohnen und weitere Systembestandteile vernetzt. Künstliche Intelligenz und Sensorfusion sollen die Gefechtssteuerung automatisieren.
Der ursprüngliche Plan bestimmte 2040 als Einführungszeitpunkt, wobei der FCAS-Jet den Eurofighter Typhoon der Bundeswehr und die französische Rafale ersetzen sollte. Deutschland, Frankreich und Spanien initiierten das Projekt mit jeweils einem Drittel Beteiligung; Spaniens Indra Sistemas trat als Dritter Partner hinzu. Die geplanten Gesamtkosten beliefen sich auf mehr als 100 Milliarden Euro.
Die Ursachen des Projektscheiterns liegen in grundlegender industrieller Zerstrittenheit. Die beiden führenden Unternehmen waren so gegensätzlich, dass politische Unterstützung aus deutscher Perspektive keinen Sinn machte. Der französische Rüstungskonzern Dassault, Erbauer von Mirage und Rafale, beanspruchte die Hauptzuständigkeit für die Entwicklung des künftigen Kampfflugzeugs. Airbus Defence and Space, das deutsch-französische Unternehmen mit spanischer 4-Prozent-Beteiligung, sollte hingegen die digitale Infrastruktur verantworten, konkret: die begleitenden Drohnen.
Dassault-Chef Éric Trappier verweigerte die Teilung von Patenten und sensiblen Know-how mit Airbus. Nach ZDF-Informationen bemühte sich Kanzler Merz persönlich in einer direkten Kontaktaufnahme mit Trappier, doch ohne Erfolg. Als Kernproblem der Industrie-Kooperation gelten zwei ungelöste Fragen: Wem gehört die künftige Technologie? Und wer erzielt die wirtschaftlichen Vorteile? Airbus und Dassault konnten sich weder auf Arbeitsanteile noch auf Patentrechte für Neuentwicklungen abstimmen.
Zugleich offenbarte sich ein strategischer Unterschied in den Anforderungsprofile: Deutschland identifizierte als Kernproblem, dass Frankreich ein atomwaffenfähiges und ein flugzeugträgerfähiges Flugzeug benötigt, Deutschland dagegen gegenwärtig keines dieser Spezifikationen erfordere. Die Option, FCAS mit zwei separaten Flugzeugvarianten zu realisieren, wurde von Frankreich abgelehnt.
Monatelange Vermittlungsversuche Deutschlands und Frankreichs blieben erfolglos; die eingesetzten Mediatoren beendeten ihre Arbeit ohne Ergebnis.
Der finanzielle Verlust beläuft sich auf gut drei Milliarden Euro, da zahlreiche Entwürfe für einen neuen Kampfjet hinfällig geworden sind. Politisch stellt das Scheitern für Deutschland und Frankreich eine Schwierigkeit dar. Macron fordert seit Jahren europäische Souveränität und gemeinsame Rüstungsvorhaben. Nun scheitert das umfassendste europäische Rüstungsprojekt an industriepolitischen Unterschieden mit einem engen Partner. Gemeinsam mit Angela Merkel hatte Macron 2017 den Startschuss gegeben. Daher bedeutet es auch für Macron persönlich, dass seine Initiative gescheitert ist.
Das FCAS-System ist nicht vollständig beendet. Die gemeinsame Vernetzung unterschiedlicher Waffensysteme, Plattformen und Sensoren in einer „Combat Cloud" soll fortgeführt werden. Der „eigentliche Kern von FCAS" wird als „europäisches System der Systeme fortgeführt", wie die Bundesregierung erklärte. Dieses vernetzt Flugzeuge, Drohnen und weitere Bestandteile zu einem integrierten Ganzen. Die Kombination aus Drohnen, Künstlicher Intelligenz und Datencloud soll gerettet werden. Diese Forschungsergebnisse könnten bei der Entwicklung eines künftigen Luftkampfsystems weiterverwendet werden.
Airbus ist nach Informationen aus Industriekreisen bereit, einen eigenen Kampfjet zu entwickeln. Deutschland könnte sich bei der Entwicklung eines solchen Kampfjets mit Schweden zusammentun. Eine weitere Option ist das GCAP-Projekt mit Großbritannien, Italien und Japan, die einen neuen Kampfjet entwickeln wollen. Deutschland könnte sich diesem Projekt anschließen.
FCAS gilt als wichtiges Projekt für Europas militärische Souveränität. Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen und wachsender Zweifel an der Verlässlichkeit der USA als Sicherheitspartner besitzt das Projekt strategische Bedeutung. Das Scheitern könnte zumindest langfristig gesehen nicht nur die europäische Verteidigungsfähigkeit schwächen, sondern die industrielle Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich und Spanien nachhaltig belasten.
Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) formulierte bereits 2020: „Gelingt es nicht, dieses Projekt im europäischen Rahmen zu realisieren, werden größere gemeinsame Rüstungsanstrengungen in Europa zunehmend unwahrscheinlich." Das European Council on Foreign Relations (ECFR) analysierte: „Falls es auch nur teilweise scheitert, wird FCAS zeigen, dass eine europäische Verteidigungsindustrie, und damit auch die strategische Souveränität Europas, nicht erreichbar ist."
Die Versuche der EU, sich verteidigungspolitisch unabhängiger von den USA zu machen, werden zurückgesetzt. FCAS sollte die europäischen Ziele verdeutlichen, machtpolitisch mit den USA und China auf gleicher Ebene zu agieren. Das Scheitern von FCAS zeigt die Grenzen europäischer Rüstungskooperation. Das Projekt bleibt strategisch wichtig für Europas Sicherheit – und nun muss Europa einen neuen Kurs beim Kampfjet-Projekt suchen. Die Frage ist nicht nur technischer, sondern politisch-strategischer Natur: Kann Europa seine Verteidigungsfähigkeit ohne amerikanische Abhängigkeit konsolidieren?